Gen-Z-Forscher über Arbeitsauffassung von jungen Leuten: „Keine schöne Prognose für Arbeitgeber“
Die Generation Z fehlt immer öfter krank. Das Misstrauen gegenüber jungen Menschen ist groß. Generationenforscher Rüdiger Maas ordnet die Vorwürfe ein.
München – Die Generation Z hat bei vielen keinen leichten Stand. Psychologe Rüdiger Maas vom Institut für Generationenforschung in Augsburg beschäftigt sich seit Jahren mit diesem Phänomen. Im Interview ordnet der 44-Jährige den Umgang der Generation Z mit dem Thema Krankheit ein.
Herr Maas, drei Viertel aller Arbeitnehmer bescheinigen der Generation Z, sich krankzumelden, obwohl sie eigentlich fit wären. Woher kommt dieses Misstrauen gegenüber jungen Arbeitnehmern?
Das hängt von mehreren Dingen ab. Ich kann mir vorstellen, dass sich viele Ältere krank in die Arbeit geschleppt hätten, und die Jüngeren da einfach mehr drauf achten als die Älteren. Viele sagen dann aus ihrer Vita heraus: ‚Oh, das hätte ich mich damals aber nicht getraut, ich wäre da noch in die Arbeit.’ Das Problem bei solchen Studien oder Erhebungen ist, dass wir keinen Vergleich haben, wie das vor zehn oder 20 Jahren war, um einen Generationeneffekt herauszukriegen. Das ist erstmal nur eine Vermutung.
Aber es ist bekannt, dass die Generation Z eine andere Einstellung zum Arbeitsleben hat als ihre älteren Kollegen.
Das ist richtig. Wir wissen, dass die Jüngeren zum Beispiel im Gesamtdurchschnitt viel weniger Überstunden machen. Wir haben auch in Befragungen bei Jüngeren oft Antworten gehört wie: ‚Der Durchschnitt in meiner Branche ist über 25 Tage krank im Jahr. Ich hatte erst 10 Tage Krankheit, mir stehen noch 15 zu.’ Das ist neu, das hatten frühere Berufseinsteiger in der Form nie geäußert. Das ist eine völlig andere Perspektive auf die Arbeit. Es kann sein, dass diese Denkweise in ein paar Jahren von der Generation Z auf die anderen übergeht. Wir sprechen von Interaktionseffekten. Das ist natürlich keine schöne Prognose für Arbeitgeber.
Generationenforscher: Generation Z mit „enormen Anstieg“ bei psychischen Krankheitsbildern
Weshalb melden sich jüngere Menschen häufiger krank als ältere?
Bei den Jüngeren sind es oft Tageskrankheiten. Wegen eines Schnupfens oder irgendetwas Leichterem bleibt man jetzt zu Hause. Aber auch die psychischen Krankheitsbilder der Jüngeren sind rapide gestiegen. Wenn wir die Jüngeren von heute mit den Jüngeren vor zehn oder 20 Jahren vergleichen, sehen wir einen enormen Anstieg.

Worin genau liegen die Unterschiede?
Wir haben eine Steigerung an Depressionen, Anpassungsstörungen und Angststörungen. Diese Krankheiten werden jetzt ernster genommen als früher, aber an manchen Punkten auch überinterpretiert. Das heißt, es wäre schon noch möglich zu gehen, aber mir stehen ja noch Krankheitstage zu. Und mir passiert nicht mehr so viel, wenn ich jetzt einfach länger krank oder öfters krank bin. Es wird durch die Kollegen nicht mehr sanktioniert. Was natürlich im echten Krankheitsfall sehr gut sein kann, führt im Falle einer Aggravation (das bewusste Übertreiben vorhandener Krankheitssymptome, Anm. d. Red.) zu einer erhöhten Anzahl an Fehltagen.
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Rüdiger Maas: „Jüngere Menschen identifizieren sich nicht mehr so über die Arbeit“
Woher kommen diese Denkweisen?
Dafür gibt es ganz viele Gründe. Wir haben einen Anstieg an überfürsorglichem Verhalten der Eltern, die vieles dadurch überinterpretieren und Krankheitsbilder womöglich suggerieren. Die Eltern der Vorgängergenerationen waren da oft gelassener, vielleicht auch an einigen Stellen wieder zu gelassen. Außerdem kann man heute jedes Krankheitsbild auch ‚ergoogeln’ und sich schnell in etwas reinsteigern. Aber am Ende sind es Ärzte, die den entsprechenden Patienten krankschreiben. Es ist heutzutage auch einfach sozial erwünscht, dass sich jüngere Arbeitnehmer nicht mehr kaputt arbeiten, so wie ihre Eltern. Jüngere Menschen identifizieren sich nicht mehr so über die Arbeit. Viele aus der Generation Z haben eine klare Trennung von Arbeit und Freizeit.
Inwieweit nimmt das Phänomen der sogenannten Helikopter-Eltern Einfluss auf die Arbeitsmoral der Generation Z?
Insgesamt haben wir einen Anstieg der Helikopter- oder Rasenmäher-Eltern. Wenn die Eltern immer sehr viel übernehmen, können auch Kinder weniger Bewältigungsstrategien entwickeln. Das ist wie eine erlernte Hilflosigkeit, weil immer meine Eltern dafür gesorgt haben, dass alles funktioniert, habe ich nie gelernt es auch mal selbst zu probieren. Schnell erscheint dann vieles als nicht änderbar, da die Umwelt als übermächtig erscheint.
Generationenforscher fordert Arbeitgeber zum Handeln auf: „Es gibt auch einen Grund“
Welche Konsequenzen sollten Arbeitgeber im Umgang mit Krankmeldungen der jungen Generation ziehen?
Am Ende des Tages müssen Arbeitgeber auch schauen, welche Leute sie einstellen. Und wenn ich einen hohen Krankenstand bei der Generation Z habe, auch aus psychischen Gründen, oder viele dann einfach weniger willig sind zu kommen, muss ich reagieren. Da geht es zum Beispiel um die Gruppendynamik. Es gibt auch einen Grund, warum ich mein Team im Stich lasse. All diese Dinge müssen wir mitberücksichtigen.
Haben Sie trotzdem noch Hoffnung, was die Generation Z angeht?
Die Probleme mit der Generation Z in der Arbeitswelt gelten immer nur für einen kleinen Teil. Und mittlerweile ist der Begriff Generation Z schon so negativ konnotiert, dass wir gar nicht mehr diesen großen Teil sehen, der auch viele Innovationen und Ideen in die Arbeitswelt bringt. Wir sprechen ja nicht von denen, die performen. Davon gibt es sehr viele.
Gefahren der Sozialen Medien für Generation Z: „Social Media macht krank“
Welche Rolle spielen da auch die sozialen Medien?
In der Social-Media-Welt lauern viele Gefahren. Da gibt es sehr interessante Studien, die sagen, dass sich junge Menschen schlechter fühlen als davor, wenn sie mehrere Stunden auf Social Media waren. Die unglücklichsten Menschen sind eben der Generation Z angehörig. Das hat viel mit dieser Reizüberflutung zu tun, mit dieser permanenten Auswahlmöglichkeit.
Also macht Social Media krank?
Ja, das würde ich so sagen. Aber das muss man auch immer in Relation setzen. Es gibt keinen kausalen Zusammenhang. Social Media kann krank machen, muss es aber nicht per se. Da geht es auch um die Masse des Konsums.
Wie würden Sie jungen Arbeitnehmern raten?
Wenn jemand krank ist, ist er krank, dann hat er das Recht darauf, zu Hause zu sein. Das steht mir gar nicht zu, das zu werten. Was ich mir aber wünschen würde, ist, dass die Jüngeren nicht bei jeder Kleinigkeit zusammenbrechen, sondern sich mal zusammenbeißen. Dass sie eine Frustrationstoleranz entwickeln und länger dranbleiben, auch wenn es unangenehm wird. Denn daraus kann auch etwas Angenehmes werden, auf das man stolz blicken kann. Wir sollten alle einen gesunden Mittelweg gehen. Wegen jeder Kleinigkeit zu Hause zu bleiben, ist genauso schlimm, wie nie zu akzeptieren, dass man krank ist.
Interview: Vinzent Fischer
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